Schulstart mit Lehrermangel

Die Personalnot ist groß

Das Schuljahr 2022/23 beginnt. Die Unterrichtsversorgung ist so schlecht wie nie zuvor. Zur Planung des neuen Schuljahres gab und gibt es landauf und landab große Schwierigkeiten, die Schulen mit genügend Personal auszustatten. Öffentliche Äußerungen, auch von personalverwaltenden Stellen, zeigen von der Not! „So kann das Schuljahr nicht starten“, „der Lehrermangel spitzt sich zu“ oder „sehenden Auges in die Schulkrise“ lauteten die Überschriften in den Medien. BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann spricht von einem Lehrermangel in einem noch nie dagelegenen Umfang. Droht dem Schulsystem der Kollaps?

06.09.2022

Liebe Kollegin, lieber Kollege!

Das bayerische Kultusministerium hat neue Prognosen vorgestellt, die zeigt, wie viele Lehrkräfte in Zukunft gebraucht werden – und wie viele fehlen. Für das neue Schuljahr allerdings konnte die genaue Zahl noch nicht konkret benannt werden! Trotzdem wird deutlich: Die Mittelschulen werden – wie bereits in den letzten Jahren – am meisten leiden. Hier zeichne sich „ein dauerhafter Mangel an ausgebildeten Lehramtsabsolventen und -absolventinnen ab“, heißt es in der Lehrerbedarfsprognose des Ministeriums. Allein in den nächsten fünf Jahren fehlen mehr als 2100 ausgebildete Lehrkräfte. Der Bedarf, der für neue Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine besteht, ist darin noch gar nicht berücksichtigt.

Auch an Grundschulen hält der Engpass an. Bis 2024 fehlen hier rund 760 Vollzeitkräfte, bevor ab 2025 genügend neue Absolventinnen und Absolventen aus den Hochschulen die Lücken füllen können. Nicht besser sieht die Lage an den Förderschulen aus.

Es ist dringend nötig, dass die Gesellschaft informiert wird und diesen Zustand wahrnimmt. Allein im Landkreis Augsburg fehlten Anfang August noch 50 Klassleitungen. In ganz Schwaben waren etwa 10.700 Lehrerstunden offen. Es reicht nicht mehr, auf Sicht zu fahren und Lösungen vor Ort anzubieten. Es wird gravierende Einschnitte geben, wie größere Klassen, keine Migrationsteilungen, keine mobile Reserve, Streichung von Stunden, Fachunterricht in Klassenstärke, kein Werken/Gestalten in der 1. Klasse, Wegfall von differenziertem Sportunterricht … Auch die garantierte Ganztagsbetreuung ab Mitte 2026 wird ein großes Problem. Es wird vermehrt Unterrichtsausfälle geben, weil die wenigen im Dienst befindlichen Lehrkräfte diese enorme Leistung nicht mehr stemmen können. So wird es nicht mehr möglich sein, allen Kindern gerecht zu werden, ihnen ihr in der Bayerischen Verfassung verbürgtes Recht auf Bildung und Erziehung zukommen zu lassen. Gerade jetzt nach zwei Pandemiejahren, Lehrerknappheit und Ukrainekrise sind die Aufgaben vielfältig. Kinder spüren den Lehrermangel hautnah. Unsere Schülerinnen und Schüler benötigen mehr an Aufmerksamkeit, Zuwendung und Förderung. Die zugespitzte Personalsituation der fehlenden ausgebildeten Lehrkräfte gleicht einer Bankrotterklärung des Schulsystems. So kann die Zurverfügungstellung von Geldern zur Einstellung von Hilfskräften auch nur als verzweifelter Versuch der Staatsregierung gewertet werden, der seine Wirkung verfehlt, da auch hier kein Personal zur Verfügung steht. Die zweitqualifizierten Realschul- und Gymnasiallehrkräfte  kehren in großer Zahl an ihre ursprünglichen Schularten zurück, weil diese ihnen gute Angebote zur Anstellung offerieren. Nicht zuletzt werden für zusätzliche Aufgaben wie „Gemeinsam.Brücken.bauen“, Brückenklassen, Ganztag, Deutschplus etc. Kräfte gesucht.

Was macht das mit uns Lehrerinnen und Lehrern? Wir wollen den Kindern alles geben und ihnen die Bildung zukommen lassen, die sie brauchen. Das können wir in geforderter Qualität schon lange nicht mehr leisten. Der BLLV hat vor Jahren davor gewarnt, mehr Lehrkräfte, Fachlehrkräfte und Förderlehrkräfte gefordert und das Modell der flexiblen Lehrerbildung erarbeitet, welches die derzeitige Schieflage entzerrt hätte. Auch stellen wir derzeit fest, dass die Politik unsere Argumente nachvollziehen kann, aber trotzdem nicht handelt! Wer soll das verstehen?

Deshalb fordert der BLLV Schwaben den gravierenden Lehrermangel sofort mit einer flexiblen Lehrerbildung anzugehen, gleichwertige Besoldung für alle Lehrer umzusetzen und nicht nur auf schnelle Sofortmaßnahmen zu setzen, ohne auf die Bildungsqualität zu achten. Vor allem müssen die Arbeitsbedingungen der Kolleginnen und Kollegen verbessert werden. Auch die Einstellungsmodalitäten, die von für vielen neueingestellten, fertig ausgebildeten jungen Lehrkräften, nicht nachvollziehbar sind, sollten schleunigst überdacht werden, da wir sonst jedes Jahr noch einige mehr für den Schuldienst verlieren.

Wir werden dafür alles tun! Und um es mit den Worten unserer Präsidentin zu sagen: „nicht aufhören zu kämpfen, gerade jetzt nicht und in Zukunft auch nicht, um für die Kolleginnen und Kollegen einzustehen!“ Der BLLV Schwaben wird die Umsetzung der dringenden Aufgaben einfordern, Verbesserungen der aktuellen Lage vehement vorantreiben und auf die notwendigen Veränderungen im Bildungsbereich drängen.

Alles Gute!

Gertrud Nigg-Klee
1. Vorsitzende Bezirksverband Schwaben