Bildungsgerechtigkeit ist für den BLLV eine der dringendsten Herausforderungen unserer Zeit. Entsprechend war die Veranstaltung zur Inklusion im Rahmen der bayernweiten Veranstaltungsreihe „Bildung gerecht gestalten“ des BLLV von hochkarätiger Politprominenz besucht. Neben Martin Schenkenberg, dem Leiter des Referats Soziales, Familie, Pflege, Generationen und Inklusion in der Stadt Augsburg und Claudia Nickl, Behindertenbeauftragte der Stadt Augsburg begrüßte die Vorsitzende des BLLV Schwaben Gertrud Nigg-Klee, Vertreter der schwäbischen Schulämter sowie die Mitglieder des bayerischen Landtags Dr. Simone Strohmayr (SPD) Anton Rittel (FW) und Karolina Trautner (CSU).
Sabine Bösl, Leiterin der Abteilung Schulpolitik BLLV Land, dankte in ihrem Grußwort Katharina Wezel (Abt. Schulpolitik BLLV Schwaben) für die hervorragende Organisation des Fachtags im Rahmen der BLLV-Reihe zur Bildungsgerechtigkeit und betonte, wie wichtig es dem Bayrischen Lehrerinnen– und Lehrerverband ist, dass echte Teilhabe am Bildungssystem und Chancengerechtigkeit für alle Kinder möglich ist. Angesichts der extrem heterogenen Schülerschaft kann es nicht allein den Lehrkräften aufgebürdet werden, jedem einzelnen Kind mit seinen individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden.
Enno Hörsgen, der in seiner gewohnt pointierten, klugen Art, durch den Abend führte, begrüßte als nächstes Frau Dr. phil. Ramona Häberlein-Klumpner, Dozentin am pädagogischen Hochschulinstitut NMS Bern, die die Ergebnisse einer Langzeitstudie zur Bildungsbiographie von Kindern mit Inklusionsbedarf und deren Eltern, die seit 2009 wissenschaftlich auf ihrem Weg durch das bayerische Bildungssystem begleitet wurden. Ziel der Studie war es herauszufinden, welche Faktoren zum Gelingen erfolgreicher Inklusion beitrugen und welche Barrieren erschwerten bzw. verhinderten.
Was alle Studienteilnehmer:Innen einte, war der unbedingte Wille als vollwertiger Teil der Gesellschaft anerkannt zu werden. Als förderlich wurden engagierte Lehrpersonen, der Zusammenschluss mit gleichgesinnten Eltern und sog. „Inklusionsschrittmacher“ (z. B. Politiker:Innen) identifiziert. Schulassistenzen und engagierten Eltern kommt ebenfalls eine tragende Rolle zu, ein Bereich, in dem gerade momentan Gelder massiv gestrichen werden sollen.
Als besonders belastend wurden Ablehnung und Mobbing, die an vielen Stellen überbordende Bürokratie sowie die immer wiederkehrende Bittsteller-Position empfunden.
In der Publikumsdiskussion war vor allem von Interesse, welche systemischen Faktoren inklusionswilligen Kindern und deren Eltern den Weg durch die Schule erleichtern würden. Als betroffene Mutter schilderte Dr. Petronilla Raila, wie sehr sie sich gewünscht habe, dass bei Gesprächen mit Bildungsinstitutionen, Schulen, MSD anstelle der Forderung, was ihr Kind alles leisten müssen, gefragt würde, was ihr Kind denn brauche, um die Schule bewältigen zu können.
Wichtig ist es festzuhalten, dass das Gelingen von Inklusion nicht allein vom übermäßigen Engagement einzelner Personen abhängen darf, da angesichts der vielfältigen Herausforderungen an den Schulen Inklusion kaum noch leistbar ist.
„Inklusion ist eine Frage unserer Demokratie!“
Jürgen Dusel, der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen gab den Anwesenden eine sehr kurzweilige Lehrstunde in Demokratieerziehung. Anhand seiner eigenen Biographie als Mensch mit einer fast vollständigen Sehbehinderung schilderte er pointiert, wie wichtig für ihn auf seinem Bildungsweg Lehrpersonen waren, die ihm mit großem Engagement Türen geöffnet haben. In seiner persönlichen Entwicklung profitierte er vor allem durch die soziale Interaktion mit nichtbehinderten Menschen - und sie von ihm -, wie sie an den allgemeinen Schulen stattfindet.
In seiner Funktion trete er für alle Menschen in ihrer gesamten Vielfalt ein, denn die Gruppe der Menschen mit Behinderungen sei genauso heterogen wie die der Menschen ohne Behinderung. Jeder Mensch verdient es, in seiner Einzigartigkeit gefördert und unterstützt zu werden.
Gerade in einer Zeit, in der extreme Kräfte versuchten, bestimmte Gruppen wieder an den Rand zu drängen, sei es grundlegend zu erkennen, dass Inklusion und Demokratie zwei Seiten derselben Medaille sind. Seitdem Deutschland vor 17 Jahren der UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert hat, ist der Staat verpflichtet, allen Kindern den Zugang zum allgemeinen Bildungssystem zu gewähren. Leider entwickelt sich der Fortschritt in dieser Hinsicht nur sehr schleppend. Nach wie vor mangelt es an Ressourcen, aber auch an Mut, neue Wege zu beschreiten, um diese große Aufgabe zu bewältigen. Ohne die entsprechende Unterstützung gibt es keine Inklusion, sondern Konfusion.
Dusel forderte den BLLV auf und machte Mut, sich weiterhin mit aller Kraft für die Rechte aller Schülerinnen und Schüler einzusetzen. Für mehr Vielfalt!
Nach solch informativem Input ließen die Gäste den Abend bei interessanten Gesprächen und Catering eines inklusiven Unternehmens noch lange ausklingen.
Eine hochkarätige Veranstaltung, die lange zu denken gibt, und Mut macht, für den nächsten Tag in einem Bildungssystem, das in Bayern immer noch viel zu viel selektiert, als inkludiert.
Text: Patricia Laube
Fotos: Christian Gerhart
